Warum „Sehr geehrt“ gar nicht geht

So machst Du Deinen Leser gleich zu Beginn neugierig und hebst Dich aus all den langweiligen Schreiben ab.
Warum „Sehr geehrt“ gar nicht geht

Nach der Betreffzeile ist die Anrede ein weiterer zentraler Baustein – und vor allem einer, der relativ früh ins Auge fällt. Insofern kannst Du Deinen Leser schon gleich am Anfang Deiner E-Mail oder Deines Briefes verblüffen und überraschen mit einer Anrede, die anders ist als das, was der Leser so kennt. Oder Du kannst ihn langweilen. Die meisten tun genau dies mit der Anrede „Sehr geehrter Herr Gähn“ oder „Sehr geehrte Frau Lange-Weile“.

Langweilig ist diese Anrede, weil fast jeder diese antiquierte Anrede benutzt. In über 95 % der Briefe findet sich diese Anrede. Und in den meisten E-Mails ebenfalls. Warum ist das so? Weil wir schon immer so geschrieben haben. Weil wir es irgendwann mal so gelernt haben. Dies sind zumindest die Antworten, die ich immer wieder in meinen Trainings höre. Nun, überzeugende Argumente hören sich anders an.

Fakt ist, dass ich diese Formulierung zwischen Menschen, die sich treffen und begrüßen, noch nie gehört habe. Die Anrede ist somit ein sehr exemplarisches Beispiel dafür, dass wir anders schreiben als wir reden. Oder hast Du Deinen letzten Kunden am Telefon schon mal mit „Sehr geehrte Frau Pfiffig“ begrüßt. Ich vermute, wohl kaum. So spricht kein Mensch, wirklich keiner. Allenfalls bei Begrüßungen in großem Rahmen, z. B. bei Vorträgen oder Seminaren, findet man diese Begrüßung schon mal – allerdings auch meistens bei den langweiligen Vorträgen oder Seminaren. 😉

Benutze doch einfach die Begrüßung, die Du auch in der mündlichen Kommunikation benutzt. Ich vermute mal, dass Du Deinen Kunden ebenfalls mit „Guten Tag“ ansprichst. Und mit dieser Begrüßung machst Du auch nichts verkehrt und alles richtig. Vielleicht findest Du diese Anrede für Brief und E-Mail etwas ungewöhnlich? Dann geht´s Dir so wie manchen meiner Trainingsteilnehmer. Alles, was neu ist, ist erst einmal ungewöhnlich und vielleicht auch gewöhnungsbedürftig. Vielleicht benötigst Du einfach etwas Zeit, um Dich mit dieser Formulierung anzufreunden. Probier‘ es einfach mal aus.

Für manchen kommt diese Formulierung einer Revolution gleich und für andere ist diese Formulierung völlig normal. Ich habe Mitarbeiter aus Banken kennengelernt, die meinten, so könne man nicht schreiben und dann genauso Mitarbeiter aus Banken, die schon seit 10 Jahren diese Anrede benutzen. Die komplette Bandbreite. Ich hatte allerdings noch keinen Teilnehmer dabei, der davon berichtet hat, dass sich ein Kunde oder Interessent über diese „neue“ Begrüßung beschwert hat oder dass jemand damit negative Erfahrungen gemacht hat. Also, probiere es mal aus. Und berichte hier gerne über Deine Erfahrungen.

Wenn Du skeptisch bist, benutze die Anrede „Guten Tag“ doch erst mal bei Menschen, bei denen Du ein gutes Gefühl hast und Du wirst sehen, dass … … nichts passiert. Es wird sich keiner beschweren, es wird allerdings auch keiner Lobeshymnen anstimmen. Menschen sind bei positiven Dingen meist recht zurückhaltend. Und doch werden Deine Leser diese Änderung positiv wahrnehmen. Wenn Du eine Rückmeldung haben möchtest, dann solltest Du Deine Kunden oder Interessenten einfach mal ganz direkt fragen, was sie davon halten. Rufe einen guten Kunden an und frage ihn, was er davon hält. Aber wie gesagt, erwarte nicht zu viel. Und mach Dir nicht zu viele Gedanken darüber.

In E-Mails bietet sich am Vormittag die Variante „Guten Morgen“ an. Bis 12 Uhr kann man diese Begrüßung nutzen, so heißt es. Ich tue mich allerdings schwer, nach 10 Uhr noch „Guten Morgen“ zu schreiben. Mach‘ es einfach von Deinem Gefühl abhängig.

Eine besonders in E-Mails gebräuchliche Anrede ist das „Hallo“. Da die E-Mail moderner ist als ein Brief, tun sich die meisten leichter, hier lockerer zu schreiben und das „Hallo“ zu benutzen. In einem Brief fällt vielen dies meist schwerer. Da bleiben viele immer noch beim „Sehr geehrt“ – zumindest bis zu meinem Training. 😉

Ich schreibe in der E-Mail regelmäßig „Hallo“. Manche Trainingsteilnehmer schreiben erst dann „Hallo“ wenn ihr Gegenüber dies auch tut. Und wenn er es nicht tut, dann bleibt´s oft bei dem altbackenen „Sehr geehrter Herr Gähn“. Einer muss den 1. Schritt machen. Mach‘ Du den 1. Schritt und präsentiere Dich als moderne Unternehmerin oder moderner Unternehmer. Ich benutze meist schon in der 1., spätestens aber in der 2. E-Mail das „Hallo“. Dies mache ich vom Erstkontakt mit meinem Gesprächspartner abhängig. Nach lockeren Gesprächen, in denen es auch humorvoll zugeht, benutze ich meist schon in der 1. E-Mail das „Hallo“. Und nach Gesprächen, die nicht ganz so locker sind, starte ich in der 1. E-Mail mit „Guten Tag“ und gehe dann meist in der 2., spätestens aber in der 3. E-Mail zum „Hallo“ über. Und ich habe noch nie schlechte Erfahrungen damit gemacht.

Ganz im Gegenteil: Ich glaube, mein Gegenüber ist sogar dankbar, dass ich diesen 1. Schritt gemacht habe. Denn ich glaube, so mancher würde grundsätzlich gerne etwas lockerer schreiben, traut sich aber nicht. Mach es doch einfach auch wie ich: Mach den 1. Schritt zum modernen Schreiben auf Deinen Kunden oder Interessenten zu.

Eine weitere Möglichkeit, die Anrede anders zu gestalten, sind die regionalen Anreden. In Bayern kannst Du den Gruß „Grüß Gott“ oder in Hamburg „Moin“ benutzen. „Moin“ bedeutet übrigens nicht „Morgen“. Es kommt vom plattdeutschen „moien Dag“, was so viel wie „guten“ oder „schönen Tag“ bedeutet. Und irgendwann ist das Wörtchen „Dag“ mal weggefallen. Und so heißt es heute nur noch „Moin“.

Diese Anreden können benutzt werden, wenn der Bayer einen Kunden oder Interessenten in Bayern oder der Hamburger einen Hamburger anschreibt. Dieser Gruß kann aber genauso benutzt werden, wenn Du Kunden außerhalb des regionalen Grußgebietes anschreibst, also von Bayern nach Berlin oder von Hamburg nach Düsseldorf. Und wenn ich gerade „kannst Du benutzen“ geschrieben habe, so meinte ich „solltest Du“, denn ich finde, wir alle sollten ruhig unsere regionalen Besonderheiten herausstellen. Dies sind doch gerade die Kleinigkeiten, die uns von anderen abheben und uns ein kleines bisschen einzigartig machen. Und genauso kann der Westfale den Bayern mit „Grüß Gott“ anschreiben. Denn damit stellt er doch genau den Ansprechpartner in den Mittelpunkt und der Angeschriebene wird dies wohlwollend, ja, vielleicht sogar freudig, registrieren.

Meine frühere Vertriebsmitarbeiterin machte genau dies auf ihrem Anrufbeantworter. Sie begrüßte die Anrufer mit „Grüß Gott“ und „Moin, moin“. Auf Anrufer wirkte es sehr sympathisch und weltoffen. Und wenn ich aus Bayern oder Hamburg anrufen würde, würde ich mich auch gleich sehr heimisch fühlen. Und darum geht es doch auch in einem Brief oder einer E-Mail. Gleich zum Einstieg ein gutes Gefühl zu transportieren und den Leser zu erreichen. Und sich ein wenig von den langweiligen immer gleichen Formulierungen abzuheben. Dies gelingt Dir sicher nicht mit der von so vielen verwendeten Anrede „Sehr geehrte Frau Schnarch“

Welche Erfahrungen hast Du mit unterschiedlichen Anreden gemacht? Oder schreib einfach mal, wie eine Anrede „Sehr geehrt“, Guten Tag“ oder „Hallo“ auf Dich wirkt. Ich bin gespannt!

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Heiko T. Ciesinski

…ist der Experte für Kommunikation & Vertrieb. Die Presse nennt ihn „Guru der Formulierkunst“, „Meister der Kommunikation“ und „Der Pep Guardiola des Verkaufstrainings“. Er ist bekannt aus SAT 1, WDR, WAZ und dem Handwerksblatt. In seinen Vorträgen und Seminaren bringt er praxisnahe Verkaufstipps um Rabatte abzuwehren. Tipps, die sofort umsetzbar sind und höhere Umsätze garantieren. Und dies mit einem hohen Unterhaltungswert.

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